Fachartikel: Eingewöhnung - das neue Kapitel beginnt

Nach dem persönlichen Bericht der Eingewöhnung meines Sohnes soll es in diesem Artikel um die fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema gehen.

 

Sicherlich haben viele Eltern eine Idee oder einen konkreten Wunschtermin, wann das eigene Kind in die Kita kommen soll. Allerdings stimmt dieser Wunsch oft nicht mit den realen Umständen überein, die in einer Familie bestehen. Das Elternteil, was bisher zu Hause geblieben ist muss (oder will) wieder arbeiten gehen und das entscheidet darüber mit der Eingewöhnung zu beginnen.

Kita Eingewöhnung
Kita Eingewöhnung

Aber das ist in Ordnung – macht euch nicht unnötig ein schlechtes Gewissen!

 

Und ich weiß, man macht es letztendlich doch…

 

Die Eingewöhnung nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell, wonach heutzutage eingewöhnt wird oder zumindest in Anlehnung daran, ist sehr nach den Bedürfnissen und vor allem dem Tempo der Kinder gerichtet. So gilt manches Kind bereits nach wenigen Tagen als komplett eingewöhnt, andere Kinder wiederum erst nach Monaten.

Und beides ist völlig normal und ok.

Aber bevor an die Eingewöhnung gedacht werden sollte, steht erst einmal die Qual der Wahl der Kita an. Wobei sich das mit der Wahl in den meisten Gebieten sehr in Grenzen hält. Hier heißt es oft:

Nimm was du kriegen kannst!

 

 

Ganz wichtig bei der Suche nach der passenden Kita ist der Leitsatz: Das Gefühl entscheidet!

Daher sollte man unbedingt vor einer Zusage die Einrichtung besichtigen und die künftige Bezugsperson, welche die Eingewöhnung macht, kennen lernen. Das Setting muss passen. Man sollte da auf sein Gefühl hören, nur so kann man dem Kind auch vermitteln, dass die Einrichtung der neue Ort ist, an dem es täglich mehrere Stunden sein wird. Ihr Kind wird Ihre Einstellung dazu über seine feinen Antennen auf jeden Fall spüren!

 

Hat man sich entschieden wird der Startzeitpunkt festgelegt und man bekommt eine Liste mit Dingen, die man mitbringen oder noch besorgen sollte für den Kitastart. Die Liste scheint ersteinmal lang zu sein und man fragt sich bei dem Einen oder Anderen, wofür man das braucht. Aber, ja ihr werdet diese Dinge brauchen bzw. euer Kind!

 

Morgenkreis Kita
Morgenkreis Kita

Am ersten Tag bzw. die ersten Tage ist das Elternteil, was die Eingewöhnung begleitet mit dem Kind gemeinsam im Gruppenraum. Als Elternteil nimmt man dabei eine passive und beobachtende Rolle ein.

Man dient dem Kind sozusagen als sicherer Hafen, wo es auftanken und sich rückversichern kann, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist.

 

Wenn das gut klappt und das Kind seine neue Umwelt erkundet und in Kontakt mit Anderen tritt, geht man einen Schritt weiter und erhöht sozusagen die Dosis.

 

Danach fängt man mit kurzen Trennungen an. Das Elternteil verlässt den Raum und später dann auch die Kita.

 

Wichtig: Verabschieden Sie sich dabei unbedingt von ihrem Kind und schleichen Sie nicht einfach aus dem Raum. Ihr Kind muss mitbekommen, dass Sie gehen und vertrauen können, dass Sie auch wieder kommen. Das passiert nur mit einer ordentlichen Verabschiedung.

Auch hier gilt wieder das Motto: Das Kind bestimmt das Tempo! Stück für Stück wird die Zeit der Trennung verlängert bis schließlich das Kind einmal vom Morgenkreis bis zum Mittagsschlaf alle Rituale in Abwesenheit des Elternteils mitgemacht hat.

Dann gilt die Eingewöhnung insgeheim als beendet.

Zum Abschluss der Eingewöhnung können Sie noch ein Gespräch einfordern, wenn sie es nicht angeboten bekommen und dann kann man langsam anfangen sich an die, für alle Seiten neue Lebenssituation zu gewöhnen.

 

Tipp: Schön ist es für Ihr Kind, wenn es in der Kita einen vertrauten Gegenstand von zu Hause hat, den es sich bei Heimweh oder einfach zur Beruhigung nehmen kann. Dies kann ein Kuscheltier, ein Lieblingsspielzeug oder ein selbst gestaltetes Familienalbum sein, in dem es all seine Lieben versammelt hat und ansehen kann.

 

Kuscheltiere
Kuscheltiere

Um noch etwas Hintergrundwissen zum Thema Bindung und Bindungsmodelle zu geben, was beim Thema Eingewöhnung nicht ohne Bedeutung ist, habe ich im Folgenden die vier Modelle der Bindungstheorie

nach Bowlby (1958) zusammengefasst.

Modelle:

Ich verwende das Wort „Eltern“, was stellvertretend für „Bindungsperson“ steht, wie es in der Fachsprache heißt. „Eltern“ ist hier gleichzusetzen mit „Elternteil“.

 

 

Sichere Bindung

 

Das Kind hat Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Feinfühligkeit seiner Eltern. Die Eltern werden als sicherer Hafen erlebt und als Ausgangspunkt die Welt zu entdecken. In Anwesenheit der Eltern wirkt das Kind entspannt und erweitert immer weiter seinen Aktionsradius.

 

Bei Trennung (z.B. einer Eingewöhnung) reagiert das Kind zunächst gestresst und äußert das durch rufen, schreien und weinen. Es differenziert klar zwischen den Eltern und einer zunächst fremden Person (ErzieherIn).

Bei Rückkehr der Eltern sucht das Kind sofort Kontakt und reagiert mit Freude auf das Wiedersehen.

 

Sicher gebundene Kinder haben einen guten Zugang zu ihren Gefühlen, besitzen Empathie und reagieren in Situationen meist angemessen.

Unsicher-vermeidende Bindung

 

Bei dem Bindungsverhältnis zeigt das Kind bei einer Trennung keine Anzeichen der Beunruhigung. Das Kind scheint seine Eltern nicht zu vermissen und akzeptiert eine fremde Person als Ersatz. Oft ist die Kommunikation zwischen Eltern und Kind nicht verlässlich oder wird als dieses erlebt. Das bedeutet in der Konsequenz, das Kind vermeidet eine emotionale Bindung zu den Eltern.

 

Nach einer Trennung reagiert ein Kind abweisend und sucht nicht die körperliche Nähe der Eltern. Da es die Eltern oft als abweisend erlebt hat vermeidet es den Kontakt, um eine Zurückweisung nicht permanent erleben zu müssen. Es spricht dann freundlich mit den Eltern, allerdings mit Abstand und nur das Nötigste.

Unsicher-ambivalente Bindung

 

Das Bindungsssystem des Kindes ist chronisch aktiviert. Das heißt, es kann nicht einschätzen, ob und wann es verlassen wird und kann sich nicht sicher sein, ob die Eltern wiederkehren. Daher ist das Kind sehr anhänglich und sucht die Nähe schon vor einer möglichen Trennung. Eine Interaktion mit dem sozialen Umfeld ist durch die Unsicherheit nur schwer möglich.

 

Das Kind ist stark auf die Eltern fixiert. Eine Trennung bedeutet eine starke Belastung und in seinem Verhalten ist das Kind dabei sehr ambivalent. So ist es im einen Moment wütend auf die Eltern und reagiert aggressiv und im nächsten Moment sucht es die Nähe und den Körperkontakt. 

Unsicher-desorganisiertes Modell

 

Bei diesem Modell haben die Eltern selbst traumatische Ereignisse (z.B. Missbrauch, Gewalt oder Tod) erlebt, die sie bis dahin nicht verarbeiten oder aufarbeiten konnten. Das Verhalten der Eltern ist meist verwirrt, chaotisch oder aufgebracht. All das steht ihnen im Weg dabei, das eigene Kind empathisch wahrzunehmen und als Bindungsperson Verlässlichkeit zu zeigen.

Das Kind kann keine klare Bindung entwickeln und im weiteren Verlauf führt es häufig dazu, dass das Kind selbst in die kontrollierende Rolle des Verantwortlichen tritt.

 

Auf Trennung reagiert das Kind meist bestrafend (mit Gewalt), um die Kontrolle in der Situation zu behalten.

 

*Aufgrund einzelner Verhaltensweisen, die nicht die Regel darstellen sind keine klaren Zuordnungen zu den Modellen zu tätigen.

Also keine unnötige Sorge!

 

Bastian

 

3 Kommentare

Nicky

Nicky
Nicky

Nicky 34 jahre alt , Berlinerin mit schottischem Migrationshintergrund, Mama mit Herz und KreativChaos,

ein Sohn und eine Tochter- oder Vampirprinzessin, Überlebenskünstlerin des Alltags und somehow Familienheldin I guess...

Bastian

Bastian
Bastian

28 Jahre, Jenenzer mit Bodensee-kenntnissen und seit einigen Jahren Berliner, Papa von einem Sohn, Gründer von GoodHands, Erzieher, Musikliebhaber,

Sportler ohne Zeit für den

Sport zu haben, vieles mehr und

Familienheld!